Künstlerkolonie Nidden

Die Künstlerkolonie in Nidden/Nida

"Ich freue mich heute schon wieder auf unseren nächstjährigen Aufenthalt in Nidden ..."

Thomas Mann

 

Der Künstlerort Nidden hat eine besondere, bedeutende und eine politisch wechselvolle Geschichte. Er liegt auf der Kurischen Nehrung, dem schmalen Landstrich „… zwischen Memel und Königsberg, zwischen dem Kurischen Haff und der Ostsee. … Meine Worte können ihnen keine Vorstellung von der eigenartigen Primitivität und dem großartigen Reiz des Landes geben), sagte Thomas Mann 1931. Und Wilhelm von Humboldt schrieb schon 1809, man müsse diese Gegend gesehen haben, wie man Italien oder Spanien gesehen haben müsse („wenn einem nicht ein Bild in der Seele fehlen sollte“).

Die große Zeit der Künstlerkolonien begann in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Maler strebten in die Natur, wollten das akademische Leben und Malen hinter sich lassen. Die Malerei unter freiem Himmel trat in den Vordergrund und wurde zum Mittelpunkt. Doch die Künstler ließen sich nicht nur von der Landschaft, sondern auch von den Bewohnern inspirieren. Nach der Gründung der ersten Künstlerkolonie im französischen Barbizon wurden viele weitere in ganz Europa ins Leben gerufen. Außer den Malern lebten dort auch Schriftsteller, Dichter, Schauspieler und Musiker.

     

In Nidden begann die Zeit der Künstler kurz vor der Jahrhundertwende. Zuerst reisten vor allem die Tiermaler an. Lovis Corinth war einer der ersten Landschaftsmaler, um 1890. Dann kam Max Pechstein, der mit seiner Begeisterung viele weitere ansteckte. Monatelang lebte er in Nidden, half von Zeit zu Zeit den Fischern und malte, zeichnete, skizzierte. Die Kiste, die er am Ende des Sommers mit nach Hause nahm, wog drei Zentner.

Erinnerungen von Max Pechstein: „Eine wundervolle Landschaft mit ihrem harten Menschenschlag, dem der Fischerberuf einen eigenen Typus gegeben hatte. … so tastete ich mich allmählich in vielen Skizzen an die Natur, die gewaltigen Wanderdünen, an das Haff heran, und so erlebte ich zum ersten Mal den berauschenden ewigen Rhythmus des Meeres. … Ich sog mich voll Licht und Farbe in der von den Menschen nicht verdorbenen Natur. Wenn einem Fischer eine Hand fehlte, ging ich mit hinaus und half, das Fahrzeug und die Netze zu bedienen. …“

Ein weiterer „Brücke“-Maler, Karl Schmidt-Rottluff, verbrachte den Sommer 1913 mit Pechstein dort. Künstler wie Theo von Brockhusen, Ernst Bischoff-Culm, Arthur Degner, Gerhard Eisenblätter, Karl Eulenstein, Waldemar Rösler, Alfred Teichmann sowie Hermann und Edith Wirth lebten zeitweise in Nidden. Das außergewöhnliche Licht, die Natur und die Natürlichkeit der Menschen zogen die Maler an. 1923 wurde es von Litauen annektiert. Trotzdem kamen weiterhin zahlreiche deutsche Künstler. 1929 entschloss sich Thomas Mann, dort ein Wochenendhaus zu bauen. Regelmäßig kam er mit seiner Familie und lebte dort auf dem so genannten „Schwiegermutterberg“. Jetzt war es vollends ein Künstlerort geworden.

Früher reisten Künstler und Touristen vor allem von Berlin über Königsberg und Cranz mit dem Schiff auf die Kurische Nehrung, heute meist über die litauische Seite von Klaipeda aus. Schon zu Künstlerkoloniezeiten stand die Landschaft unter Naturschutz. Daran hat sich nichts geändert. Doch die Naturbelassenheit ist nicht mehr die, die auf den Bildern zu sehen ist. Allein die Düne, noch immer die zweitgrößte nach der Dune du Pyla im französischen Arcachon, hat enorm an Höhe verloren. Doch der Sehnsucht vieler Menschen nach diesem Landstrich tut das keinen Abbruch.

Die Bewohner von Nidden nahmen die Badegäste gern auf. Häuser wurden geräumt und vermietet. Der Gasthof Blode war ein Treffpunkt für Künstler aller Richtungen. Dort wurde geplaudert, diskutiert und geschwärmt. Hermann Blode wurde zum Mäzen. Die umfangreiche Sammlung, die er sich im Lauf der Jahre zulegte wurde im Krieg zerstört. Reisten die Gäste wieder ab, kehrte das einfach, ruhige Leben ein. Die Niddener lebten vor allem vom Fischfang, landwirtschaftlicher Anbau erfolgte auf dem Festland. Die Kurenkähne, mit denen die Fischer damals segelten, gehören schon lange der Vergangenheit an. Wie sich Helge Paul, geb. Detzkeit, eine Fischerstochter aus Nidden, erinnert: „Als ich später noch einmal da war, das war wohl 1999, habe ich erst mal gedacht, da fehlt doch was. Irgendwann bin ich drauf gekommen. Die ganzen Kähne waren weg. Die Litauer und Russen haben sie alle verheizt. Das sah so anders aus.“

Das Haus von Thomas Mann ist bis heute erhalten und wurde zum Museum. Literaturliebhaber aus aller Welt nutzen es als Pilgerstätte. In stillen Momenten ist vielleicht auch die Energie der Natur nachspürbar, der die Schriftsteller und Maler inspiriert hat. Es ist ein Geschenk, dass die Erinnerungen an die damalige Zeit einen Platz im Leben von Nida haben. Und es ist ein Geschenk für Nida, dass die Künstler damals den beschwerlichen Weg auf die Kurische Nehrung auf sich nahmen.

 

Maler der Künstlerkolonie

Carl Knauf: 1893 Godesberg – 1.4.1944 Nidden. Link auf Wikipedia

Knauf gehört zu den am längsten mit Nidden verbundenen Künstlern, da er ab 1931 bis zu seinem Tod am 1.4.1944 dort in einem eigenen Haus wohnte und arbeitete, das bis heute erhalten geblieben ist.

Doch im Unterschied zu Ernst Mollenhauer, der seit 1924 bis Januar 1945 dauerhaft in Nidden lebte und in vielem die Entwicklung der Künstlerkolonie mit bestimmte, blieb Knauf später wenig bekannt.

Bis vor einigen Jahren wussten nur Wenige von ihm. Bis heute fehlen eingehendere Forschungen über diesen Maler, der zwischen etwa 1920 und 1944 mehr Bilder von Nidden und der Region um das Kurische Haff gemalt haben dürfte als kaum ein anderer.

Der 1893 in Godesberg am Rhein geborene und an der Kunstakademie in Düsseldorf ausgebildete Knauf war vielleicht im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg nach Memel gekommen. 1921 stellte er einmal in Königsberg im Rahmen der bedeutenden Jahresausstellung des dortigen Kunstvereins aus und war 1943 nochmals in der Hauptstadt Ostpreußens in einer Ausstellung vertreten. 1932 fand eine große Einzelausstellung in Memel statt. Ansonsten scheint er keine engere Beziehung zur Kunstszene in Königsberg unterhalten zu haben.

Die wichtigste Einnahmequelle für Knauf dürften die kunstinteressierten Touristen gewesen sein, die in größerer Zahl wieder seit den späten 1920er Jahren nach Nidden kamen. Hier könnte auch ein Grund für den Bau des Hauses 1931, ganz in der Nähe des Sommerhauses von Thomas Mann, gesucht werden. Verschiedene Erinnerungen und persönliche Quellen, so Postkarten von Nidden-Urlaubern, deuten darauf hin, dass Knauf ein eher introvertierter Mensch war, der nicht leicht kommunizierte. An vielen Verkäufen von Bildern dürfte seine Frau wesentlichen Anteil gehabt haben. Sie hatte angeblich 70 Arbeiten auf der Flucht in den Westen gerettet und versuchte sie nach dem Krieg zu verkaufen. Sie wohnte in Erlangen und soll 1953 verstorben sein.

Knauf dürfte viel gereist sein. Die Winter über seien er und seine Frau oft auf Mallorca gewesen, heißt es in einer Erinnerung. Dies wäre erklärlich, da er keine allzu robuste Gesundheit gehabt haben soll. Von längerer Krankheit schrieb seine Frau in einer Postkarte aus Nidden und sein früher, nicht kriegsbedingter Tod mit 50 Jahren, mag ebenso darauf hindeuten.

Gelegentlich auftauchende Arbeiten Knaufs zeigen neben Motiven von der Kurischen Nehrung und aus dem Memelland ebenso solche aus dem Rheinland, der Alpenregion, Italien (?) und Nordafrika. Im Zuge der weiteren Erforschung des internationalen Kunstkapitels Künstlerkolonie Nidden wird auch  Carl Knauf eine wichtige Rolle spielen. Sein Haus im heutigen Nida wartet dringend auf eine Restaurierung und könnte Mittelpunkt einer Ausstellungsstätte werden.

 

Josef Adam: 11.3.1883 Glogischdorf, Kr. Glogau/Schlesien – vor 1953. Ausbildung in Berlin und Zürich, dann ansässig in Berlin. Vor allem Genre- und Bildnismaler.

Joan Anacker: 1878 Leipzig – 1955 München. Studium an der Münchener Akademie bei Raupp. Ansässig in München.

Otto Beyer: 20.10.1885 Kattowitz - 17.06.1962 Berlin. Mitglied der Berliner Sezession, ausgedehnte Studienreisen, Bekanntschaft mit Lovis Corinth und Max Pechstein. Zählt zur „Verschollenen Generation“.

Richard Theodor Birnstengel: 27.10.1887 Dresden – 1968 Dresden. 1901-1909 Studium an der Kunstakademie Dresden bei Richard Müller, Gotthard Kuehl und Oskar Zwintscher, freischaffend in Dresden ansässig. Seit 1929-1944 regelmäßig in Nidden, ab 1939 dort im eigenen Haus.

Eduard Bischoff: 25.1.1890 Königsberg – 4.1.1974 Soest. Studium an der Kunstakademie Königsberg 1910-14 bei Ludwig Dettmann und Richard Pfeiffer, ab 1919 freischaffend in Königsberg, 1936-45 Lehrer der dortigen Kunstakademie. Seit 1948 in Gelsenkirchen, ab 1962 in Soest arbeitend. Seit 1920 bis 1944 regelmäßig auf der Kurischen Nehrung.

Ernst Bischoff-Culm: 13.3.1870 Culm a.W. – 29.7.1917 Frankreich. Studium an der Kunstakademie Königsberg bei Carl Steffeck, anschließend in Berlin bei Hugo Vogel. Ansässig in Berlin, seit 1888 regelmäßige Besuche auf der Kurischen Nehrung.

Hans Brück: 4.10.1890 Mannheim - ? Studium in Karlsruhe, ansässig in Mannheim. Bildnis- und Landschaftsmaler.

Gerhard Brückner: 1897 - ?

Karl H. Buch: 26.6.1901 Treuburg – 11.8.1988 Wiesbaden. Studium an der Kunstakademie Königsberg bei Eduard Bischoff, Fritz Burmann. Ab 1937 freischaffend in Königsberg, nach 1945 in Stuttgart und Wiesbaden.

Gustav Burdensky: 1904 Berlin - 1971

Josef Burger: 1887 München – 1966. Schüler von Leo Putz, München. Landschafts- und Blumenmaler.

Herm Dienz: 8.10.1891 Koblenz – 26.8.1980 Siegburg. 1925-27 Ausbildung zum künstlerischen Lehramt in Düsseldorf und Berlin, Lehrer in Rheydt, seit 1937 Professor der Hochschule für Lehrerbildung in Bonn. In Bonn seit 1945. Maler und Holzschneider.

Franz Domscheit: 15.8.1880 Cropiens – 14.11.1965 Kapstadt. Ab 1907 Kunstakademie Königsberg bei L. Dettmann, Berlin bei L. Corinth, ansässig in Berlin, 1938 nach Österreich; Umbenennung litauisch in Pranas Domsaitis. 1949 nach Südafrika. Figuren- und Landschaftsmaler.

Paul Drenseck: 1866 Ramutten/Ostpr. - ? Wismar. 1906-11Studium in Kassel, ab 1913 Zeichenlehrer am Gymnasium in Stolberg/Rhl., seit den 1920er Jahren in Wismar.

Wilhelm Eisenblätter: 5.11.1866 Duisburg – 26.11.1934 Königsberg. Ab 1883 Kunstschule Berlin, 1898 – 1912 Theatermaler am Stadttheater Königsberg, dann freischaffender Landschaftsmaler.

Karl Eulenstein: 25.8.1892 Memel – 23.6.1981 Berlin. 1918-23 Kunstakademie Königsberg bei R. Pfeiffer, ab 1926 freischaffend in Berlin. Bis 1944 fast jeden Sommer in Nidden. Figuren- und Landschaftsmaler.

Julius Freymuth: 8.7.1881 Köln – 1.10.1961 Nußdorf/Inn. Kunstgewerbeschule Düsseldorf und Köln, Akademie Königsberg. Nach 1918 Königsberg, nach 1945 Nußdorf.

Fritz Heidingsfeld: 29.03.1907 Zoppot – 1972 Nürnberg. Studien bei F. Pfuhle in Danzig. Hospitierte bei Max Liebermann und Otto Dix. Ausgedehnte Studienreisen. Lebte vor dem Krieg in Danzig danach in Nürnberg.

Wilhelm Hempfing: 15.07.1886 Schönau – 06.06. 1948 Karlsruhe. Meisterschüler bei F. Fehr, Akademie Karlsruhe. Zahlreiche Studienreisen. Akt- und Landschaftsmaler.

Theobald Hofmann: 1.7.1861 Löbau – 19.8.1953 Kassel. Vielseitiger Künstler. Architekt in Löbau/Sachsen, von 1894-1897 in Königsberg.

Adela Hulikova: 1884 Tabor - ?. Schule für dekorative Kunst in Prag bei Hofbauer und Kalvoda.

Hans Julius Bernhard Kallmeyer: 1.9.1882 Erfurt – 28.8.1961 Bayreuth. Kunstakademie Dresden bei R. Müller, E. Hegenbarth O. Zwintscher. Dresden, ab 1914-44 Königsberg. Tier- und Landschaftsmaler, der erfolgreichste Elch-Maler Ostpreußens.

Fritz Kempe: 1898 Leipzig – 1971 Dresden. Ab 1919 Studium Akademie Leipzig, u. a. Radierklasse A. Kolb. Kunsterzieher und Buchbinder, ab 1952 Dresden.

Georg Lehmann-Fahrwasser: 1887 Fahrwasser/Danzig – 1977 Berlin. Ab 1912 Mittelschullehrer in Berlin, ab 1920 Kunststudium in Berlin, ab 1923 L. v. König, 1927-28 städt. Kunstschule Berlin.

Sergeij Lobanoff: 1887 Moskau – 1943. Kunstakademie Moskau bei I. Maschkoff. Viele Ausstellungen in den 20er Jahren. Portrait- und Landschaftsmaler

Fritz Moeller-Schlünz: 18.1.1900 Schwaan – 13.10.1990 Lübeck. Unterricht bei C. Malchin und H. Koenermann, nach 1918 Unterricht an der Landeskunstschule Hamburg. Ab 1924 Schwerin, ab 1934 Lübeck.

Friedrich Niethammer: 16.10.1898 Köln – 2.3.1945 Lehrte/Hannover. 1921-22 Kunstgewerbeschule Stuttgart, Dekorationsmaler in Bremen, 1930/31 Handelshochschule Berlin, ab 1932 Gewerbelehrer in Lehrte/Hannover.

Max Pechstein: 31.12.1881 Zwickau – 29.6.1955 Berlin (West). Dekorationsmalerlehre in Zwickau, ab 1900 Staatliche Gewerbeschule Dresden, 1903-06 Kunstakademie Dresden. Ab 1906 Mitglied der Künstlervereinigung „Die Brücke“, ab 1908 in Berlin. Ab 1945 Professor an der Akademie der Künste, Berlin.

Dmitrij Prokofjeff: 1879 St. Petersburg- 1950 Kevelaer. Studierte an der Akademie in St. Petersburg, später Professor in Berlin. Im Sommer häufig in Ostpreußen. Natur- und Tiermaler

Gustav Rüggeberg: 1.8.1894 Braunschweig – 28.4.1961 ebd. Kunstgewerbeschule Braunschweig, ansässig in Braunschweig, Lehrer an der TH Braunschweig. Maler und Grafiker.

Arwed Seitz: 23.2.1874 Königsberg – 29.7.1933 ebd. Studium an der Kunstakademie Königsberg 1892-98 bei E. Neide, G. Knorr, Reisen nach Paris und Rom. Freischaffend tätig als Portrait- und Figurenmaler.

Erich Kurt Schäfer: 1913 Berlin – 1944 gefallen in Flandern. Holzbildhauerlehre in Berlin, 1931-35 Kunstgewerbeschule Dresden. Bildhauer und Maler.

Walter Schleppegrell: 23.6. 1891 Altona – 1978 Hamburg. Kunstgewerbeschule Altona und Berlin. Ansässig in Hamburg. Maler und Grafiker.

Daniel Staschus: 22.3.1872 Girreninken/Ostpr. – 1953 Lindau. 1887-94 Kunstakademie Königsberg, 1900-10 in München und Dachau, später Königsberg und Berlin. Maler und Grafiker.

Paula Staschus-Floess: 19.11.1879 Frankfurt/M. – vor 1955. 1909-13 Kunstakademie Königsberg bei O. Jernberg, 1913/14 in München, tätig in Königsberg, München, Berlin.

Richard Otto Voigt: 29.7.1895 Leipzig – 1971. Studium an der Leipziger Akademie für Buchgewerbe und Grafik, 1919-26, 1928-34 ebd. lehrend.

Gustav Wittschas: 25.10.1868 Königsberg/Pr. – 1953 Düsseldorf.

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